5. Weimarer Kolloquium „Soziale Nachhaltigkeit“, 10.-12. September 2003 in Weimar

Gert Hullen, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung beim Statistischen Bundesamt, Wiesbaden

Modellrechnungen zur Entwicklung der Lebensformen und Haushaltsstrukturen

Man braucht sich nur im eigenen privaten Bereich umzuschauen, um die Veränderung der Lebensverläufe zwischen früheren und heutigen Generationen zu sehen. Seit den 70er Jahren heiratet man, wenn überhaupt, erst spät, die Ehen halten nicht mehr so lange, Kinder kommen gar nicht oder spät, und dabei verlängerten sich die Zeiten, in denen Kinder bei ihren Eltern leben ebenso wie die im Ruhestand noch zu genießenden Jahre. In der Bevölkerungsstatistik schlägt sich dies außer in niedriger Geburtenhäufigkeit, niedriger Nuptialität, hohen Scheidungsziffern, hoher Lebenserwartung auch in einer Zunahme der Ein-Personen-Haushalte nieder. Soziologisch wird von einer Pluralisierung der Lebensformen mit schwindender Dominanz der Ehe gesprochen und der Singularisierung oder Individualisierung.

Die Frage liegt auf der Hand, was denn die demographischen Veränderungen verursacht. Sicherlich sind politische und ökonomische Einflüsse sichtbar, beispielsweise bei der Zunahme an Geburten in der DDR in den 70er Jahren oder beim erstaunlich schnellen und starken Rückgang der Geburten bei der Wende. Solche Herleitungen demographischen Wandels versagen aber regelmäßig für größere historische Zeiträume: Es ist so, als ob sich die Wirkungen ökonomischer und politischer Faktoren abschleifen. Leichter schon fallen Antworten auf die Frage nach den Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung zum Beispiel auf Wirtschaft und Umwelt.

Im folgenden werden die Verfahren und auch Ergebnisse von Modellrechnungen dargelegt, mit denen ein Blick in die Zukunft unternommen wird. Die heute gängigen Verfahrensweisen werden genannt, um ein Makrosimulationsprogramm besonders herauszustellen. Schließlich werden Thesen zu den Folgen der Haushaltsentwicklung für den Ressourcenverbrauch umrissen.

Methode und Daten

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Wiesbaden) hat sich zusammen mit dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung (Rostock) und dem Statistischen Bundesamt mit Projektionen der Lebensformen, Haushalts- und Familienstrukturen befasst. Insbesondere ging es um die Erprobung von Makrosimulationen. Andere gängige Verfahren sind die Textfeld: Quotierung der Bevölkerung nach Familienständen oder nach Haushaltsgrößen (Haushaltsvorstands- oder auch Haushaltsmitglieder-Quotenverfahren) und die Mikrosimulation, die mit Monte-Carlo-Verfahren das Eintreten von lebenslaufverändernden Ereignissen für Individuen simuliert. Ein umfassender Bericht ist 2003 erschienen (Hullen 2003).

"Lebensformen" wurden hier definiert durch den Bezug von Personen zu einem Haushalt, durch die Zahl der Generationen im Haushalt, den Familienstand und die Zahl der Kinder. Lebensformen sind, um einige zu nennen: Kind bei den Eltern, Partner einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft, Verheiratete mit Eltern und eigenen Kindern in einem Haushalt, Verwitwete in einem Anstaltshaushalt.

Eine Lebensform-Vorausberechnung setzt natürlich voraus, dass ihre quantitativeVerbreitung in der Ausgangsbevölkerung (Basisbevölkerung der Projektion) bekannt ist. Dies ist gegeben durch den Mikrozensus, eine jährliche Befragung von einem Prozent der Haushalte. Die Daten der Basisbevölkerung der vorliegenden Berechnung entstammen einem eigens vom Statistischen Bundesamt zur Verfügung gestellten Scientific Use Files des Mikrozensus 1996 für Deutschland (Solche Scientific Use Files sind 70-prozentige, anonymisierte Stichproben des Mikrozensus.).

Zusätzlich zu den Familienständen "ledig", "verheiratet", "verwitwet" und "geschieden" wurde auch die Zugehörigkeit zu einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft als Status einbezogen. Diesem Status wurde Priorität eingeräumt, d.h. dass Personen in solchen Partnerschaften stets den Status "cohabiting" haben, was natürlich die Zahl der Personen mit den anderen Status mindert. Zu den "Singles" zählen folglich alle Kinder und jene Ledigen, die nicht einer Partnerschaft leben.

Bei der Makrosimulation werden mittels Übergangsraten und Quoten die künftigen Bestände von Bevölkerungsgruppen berechnet, hier also die Bestände der durch Alter, Geschlecht und ihre Lebensform gekennzeichneten Gruppen. Verwandt wurde das Computerprogramm ProFamy. Das von Zeng Yi und Wang Zhenglian (Universität Peking/ MPI Rostock / Duke University) entwickelte Programm geht prozedural von Mehrzustandstafeln (multi state table - im Gegensatz zur "einfachen" Sterbetafel) aus. Dem Markovschen Ansatz folgend wird unterstellt, dass Veränderungen der Lebensformen vom Alter und der gegenwärtigen Position ausgehen, nicht aber von ihrer Geschichte und entschieden nicht von der Dauer bisheriger Lebensverlaufs-Episoden. Ereignisse, die die Lebensform verändern, sind Tod, Geburt, Beginn und Ende von Ehen bzw. Partnerschaften, Auszug aus einem Haushalt, Wiedereinzug. In der Realität ist die Migration ein weiterer bedeutender Faktor der Bevölkerungsentwicklung, sie wurde bei der hier darzustellenden Projektion, wo es ja vorrangig um die Methodenerprobung ging, allerdings nicht berücksichtigt

Die Annahmen über die künftige Mortalität und Fertilität wurden der mittleren Variante der 9. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung (Sommer 2001) entnommen, die weiteren Haushaltsbildungsprozesse der laufenden Bevölkerungsfortschreibung und Surveys, hier vor allem dem Family und Fertility Survey des BiB (Hullen 1998). Letztere wurden konstant gehalten, d.h. es wurde unterstellt, dass Partnerschaftsbildungen und Trennungen, Zusammenzüge und Auszüge auch künftig so häufig sind wie in den 90er Jahren.

Ergebnisse

Die Projektion ergibt, dass der Bevölkerungsanteil der Verheirateten, der 1996 bei 50 Prozent lag, bis 2040 auf unter 40 Prozent sinken wird. Demgegenüber nehmen die Singles auf nahezu fünfzig Prozent zu. Die Anteile der Verwitweten, Verheirateten und NEL mit jeweils unter zehn Prozent bleiben ungefähr gleich groß (Abb. 1). 

Dabei werden die Haushalte kleiner. Die Durchschnittsgröße wird von 2,2 auf unter 2 Personen sinken. Jeder zweite Haushalt wird von nur einer Person bewohnt. Haushaltsstrukturen, wie sie jetzt in den Städten zu finden sind, werden damit die Norm. Träger dieser Entwicklung sind die Zunahme der älteren Personen an der gesamten Bevölkerung sowie niedrige Geburtenhäufigkeit und niedrige Nuptialität. 

Eine kleine Besonderheit der Abbildung 2 muss noch erläutert werden: Es gibt jeweils zwei Linien: eine für die Entwicklung ohne "adjustment", die andere für eine Entwicklung mit "adjustment". Das Justieren bezieht sich darauf, ob - programmintern - Personen ohne Partner und ohne Angehörige zu gewissen Anteilen anderen Haushalten zugeordnet werden. Das kann, je nach Datenbasis, notwendig sein, ist es erfahrungsgemäß bei Daten des deutschen Mikrozensus aber nicht. Mit dem Justieren vergrößert sich natürlich die durchschnittliche Haushaltsgröße, der prozentuale Anteil der Ein-Personen-Haushalte fällt niedriger aus.


Mit den Abbildungen 3 und 4 soll auf Ergebnisse der Modellrechnung hingewiesen werden, die Aufschluss geben über die künftigen Familienstrukturen und über die Lebensformen der Textfeld: Älteren.

Abb. 3 zeigt, wie der Anteil der Frauen in den Altersstufen bis 34 und ab 35 Jahren, die ohne Kindern leben, wächst, bei den älteren Frauen noch stärker als bei den jüngeren, deren Kinderlosigkeit ohnehin hoch ist. Abb. 4 weist die Folgen der zunehmenden Lebenserwartung aus. Männer leben mehrheitlich auch im höchsten Alter noch mit einer Partnerin zusammen. Allerdings verdoppelt sich auch die Zahl der alleine Lebenden. Bei Frauen im Alter von 65 bis 79 sind die Gruppen jener, die entweder alleine oder mit einem Partner leben, ungefähr gleich groß. In der Altersgruppe ab 80 aber stellen die alleine Lebenden Frauen die weitaus größte Gruppe.

Folgen der kleineren Haushalte

Die Modellrechnung hat untermauert, dass die Haushalte sich nicht gleichschrittig mit der Bevölkerung entwickeln. Die Haushalte werden aufgrund längerem Lebens und vermindertem Zusammenlebens kleiner, was unter dem Strich bedeutet, dass ihre Zahl auch dann noch steigt, wenn die Bevölkerung abnimmt.

Diese Entwicklung ist interessanterweise nicht auf die Industriestaaten begrenzt. Liu et al. (2003) haben dargestellt, dass die Haushaltszahl in der Zeit von 1985 bis 2000 in 76 "hotspot"-Ländern jährlich um 3,1 Prozent stieg, deutlich stärker als die Bevölkerung. Hotspot areas sind solche Regionen, die dichter bevölkert sind und Gefährdungen durch menschliche Aktivitäten unterliegen, von Albanien über Algerien bis zu den USA, Venezuela und Vietnam. Keine hotspot areas wären hingegen beispielsweise Schweiz, Jemen, Sambia und Simbabwe. Wenn wie in den USA gilt, dass Zwei-Personen-Haushalte weniger Energie (17 Prozent; 1993-94) verbrauchen als Ein-Personen-Haushalte, kann man wirklich von "The threat of small households" (Keilman 2003) sprechen.

Möglicherweise muss man den Ressourcenverbrauch aber differenzierter betrachten. Es kommt ja auch auf die Struktur der Haushalte an, nicht nur auf ihre Personenzahl. Prskawetz, Leiwen und O'Neill (2002) haben von einer Haushaltsvorausberechnung für Österreich Voraussagen über die Nutzung von Autos abgeleitet. Berücksichtigt man außer der Größe und Zahl der Haushalte auch das Alter und das Geschlecht der Haushaltsangehörigen, dann nimmt die Autonutzung vergleichsweise wenig zu (3 Prozent statt 20 Prozent zwischen 1996 und 2046). Dies ist die Folge der demographischen Alterung als Erhöhung des Durchschnittsalter und der mit dem Alter eher abnehmenden Autonutzung.

Das Beispiel der Autonutzung zeigt, dass Makrosiumlationen sinnvoll gebraucht werden können, um die Auswirkungen von Bevölkerungsveränderungen auf die Umwelt und die Wirtschaft zu simulieren.

Literatur

Hullen, Gert: Lebensverläufe in West- und Ostdeutschland. Längsschnittanalysen des deutschen Family and Fertility Surveys. Wiesbaden (Leske + Budrich) 1998. (= Schriftenreihe des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, 26)

Hullen, Gert (Hrsg.): Living Arrangements and Households - Methods and Results of Demographic Projections. Lebensformen und Haushalte - Methoden und Ergebnisse demographischer Modellrechnungen. Wiesbaden 2003. (= Materialien zur Bevölkerungsforschung, 109)

Keilman, Nico: The treat of small households. In: Nature, 421. Jg. (2003), S. 489-490.

Liu, Jiangou (Jack); Daily, Gretchen; Ehrlich, Paul R.; Luck, Gary W.: Effects of household dynamics on resource consumption and biodiversity. In: Nature, Jg. 2003, H. 421, S. 530-533.

Sommer, Bettina: Entwicklung der Bevölkerung bis 2050. Ergebnisse der 9. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Bundes und der Länder. In: Wirtschaft und Statistik, Jg. 2001, H. 1, S. 22-29.